Die Bedeutung der  Siedlungsgeschichte im südl. Bayerischen Wald für die Erdstallforschung


Habilitationsschrift über die Siedlungsgeschichte des südl. Bayerischen Walds von Prof. em. Dr. Haversath (1994)

 

Prof. em. Dr. Haversath hat 1994 seine Habilitationschrift über die Siedlungsgeschichte des südl. Bayerischen Waldes gefertigt[1]

Dr. Haversath hat es genehmigt, dass das o.g. Heft 14, das vergriffen ist und nur in einschlägigen Bibliotheken aufliegt, auf der Website „Erdstallkataster Bayern“ veröffentlicht wird. Dies ist nicht nur die Grundlage zum Verständnis des Bezugs zwischen hochmittelalterlicher Siedlungsgenese, sondern auch hilfreich für Arbeiten, den Siedlungsraum des Unteren Bayerischen Waldes betreffend.

Auf diese Arbeit hat mich dankeswerter Weise Prof. em. Dr. Boshof Anfang 2019 aufmerksam gemacht.

 

Das Hochmittelalter ist der Zeitraum von 1050 n. Chr. bis 1250 n. Chr.

Dr. Haversath weist über die Siedlungsstruktur der Ansiedlungen genau nach, ob der untersuchte Bereich hochmittelalterlich, spätmittelalterlich oder neuzeitlich gerodet und besiedelt wurde. Frühzeitliche und frühgeschichtliche Besiedlung kann er als unbedeutend ausschließen.

Im untersuchten Raum, nur im hochmittelalterlichen, haben wir gesichert Erdställe unter Anwesen, die bereits in den Karten zum Urkataster Anfang des 19. Jhd. am selben Ort standen.

Dr. Haversath weist in dem Heft 14 nach, dass sich die Hofstellen des Hochmittelalters über 800 Jahre nur in Ausnahmen verändert haben.

Natürlich wurden insbesondere im 19.Jhd. bis 21.Jhd. viele Hofstellen umgebaut, die Ortschaften gerade nach dem 2. Weltkrieg enorm erweitert, die Grundstruktur ist nach wie vor sehr gut erkennbar.

 

Beispielhaft:

 

Siedlungen als Gewannflur und nachgewiesener Erdstall unter dem im Hochmittelalter entstandenen Anwesen:

 

·       Kellberg [2]     

·       Kremplsberg [3]

·       Niederpretz [4]

·       Alzesberg[5]

·       Kleinwiesen[6]

·       Antesberg[7]

 

Dr. Haversath ist im März 2019 mit mir im Erdstall Münzkirchen gewesen.

Es ist wohl das erste Mal seit zig Jahren, dass ein in der Siedlungsgeschichte kundiger Professor einer deutschen Universität in einen Erdstall hinabgestiegen ist.

Spontan nach etwa 1 ½ Stunden in den engen Gängen und Schlupfen ein kurzes Statement (zur Veröffentlichung durch die PNP am 27.04.2019 schriftlich freigegeben):

 

Transzendenz. Ich erinnere mich sehr gut, wie wir in Münzkirchen im Erdstall bilanzierten, dass Schutz-, Speicher- oder andere Funktionen als Motivation für die Anlage der unterirdischen Gänge nicht in Frage zu kommen scheinen. Wenn also materielle Bedürfnisse und Rückzugsmöglichkeiten als Erklärung ausfallen, sei nach anderen Perspektiven zu suchen. Hier stehe grundsätzlich das weite und schwierige Feld des Metaphysischen und Transzendenten an. Dass es so etwas gebe, sei unbestritten, eine Erklärung über diese Schiene könne zwar konstruiert werden, die Funktion der Erdställe bleibe aber weiterhin eine ungelöste Frage, weil nicht einfach aus dem Fehlen anderer Hinweise (ex silentio) die Richtigkeit des neuen Gedankengebäudes gefolgert werden dürfe.
Wie kann man mit einer solchen Aporie umgehen? Ich kann nur Vorschläge anbieten. Hilfreich wäre eine vergleichende Übersicht/Dokumentation über Erdställe mit Angaben zum Gestein, zu den Maßen, zu den Räumen usw., sozusagen ein Corpus der Erdställe, das systematisch angelegt ist; ich weiß, dass es Vieles hierzu bereits gibt, aber ein systematischer Überblick wäre wichtig. Erst danach können weitere Wege eingeschlagen werden, wobei es wichtig bleibt, gedanklich, methodisch und inhaltlich offen zu sein und nichts auszublenden ... auch unterschiedliches Typen oder Funktionen von Erdställen dürfen nicht ausgeschlossen werden.
Es wird deutlich (was Sie schon lange wissen): ein weites Feld, bei dem (wie immer) der zweite Schritt erst nach dem ersten getan werden darf.

 

Die Aussagen von Dr. Haversath sind, was den Zweck der Erdställe betrifft, recht eindeutig.

Sie haben, so interpretiert es der Verfasser, keine Schutz-, Speicher- oder andere Funktion. Es steht also Metaphysik und Transzendenz an.

Dr. Haversath gibt recht eindeutig eine Richtung, keine Lösung an. Das wäre auch nicht wissenschaftlich belegt.

 

Zusammenfassung:
 

Verknüpfung der hochmittelalterlichen Siedlungsgeschichte mit den Erdstallvorkommen im selben Gebiet. 

Jetzt geht die Arbeit für die Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF) erst richtig los.

Dr. Haversath hat hunderte Siedlungen des Hochmittelalters siedlungsgeschichtlich analysiert. Allerdings „nur“ im östlichen Teil des Landkreises Passau und einem kleineren Teil des Landkreises Freyung-Grafenau.

„Nicht ganz so wissenschaftlich“ wurde der Landkreis Regen von anderer Stelle bearbeitet.

Dazwischen haben wir nur unzulänglich bearbeitete Gebiete des nordwestlichen Landkreise Passau, des Landkreises Freyung-Grafenau und des Landkreises Deggendorf.

 

Transzendenz: 

Die Aussagen von Dr. Haversath zur Transzendenz der Erdställe bestärken die IGEF, weiter in diese Richtung zu forschen.

Die Seelenkammertheorie ist damit nicht bestätigt, im Grundsatz aber auch nicht ausgeschlossen.

Da ist der Forschungsweg vorgezeichnet.

 

Ausblick:

Ich wünsche mir mehr Interesse lokaler Heimatforscher, der Unteren Denkmalschutzbehörden, des Landesamts für Denkmalpflege, der Kreisheimatpfleger (die engagierten Georg Schurm und Rudolf Drasch ausgenommen) und vor allem der Wissenschaftler an den Universitäten Passau und Regensburg. 

 

Nikolaus Arndt

Dezember 2022


[1] Passauer Schriften zur Geographie, Heft 14,1994, Johann-Bernhard Haversath, Die Entwicklung der ländlichen Siedlungen im südlichen Bayerischen Wald.

[2] Heft 14; S. 204; 3B; 6U5G

[3] Heft 14; S. 200; G H W2

[4] Heft 14; S. 200; G H uGr

[5] Heft 14; S  202; G H uGr

[6] Heft 14; S 204; 6B 1G 2U

[7] Heft 14; S. 201; G H W2


Siedlungsgrenzen im Heft 14, Haversath und Erdstallkataster

 

Arndt und Baierl haben das Erdstallkataster mit den Siedlungsgrenzen aus Heft 14 kartografisch überlagert. Ermöglicht durch die präzisen Ausarbeitungen zu den Ansiedlungen durch Dr. Haversath, der Historischen Karte im Bayernatlas und der grafischen Bearbeitung des Erdstallkatasters der Landkreise Passau und Freyung-Grafenau ist es gelungen den Bezug transparent darzustellen. Sämtliche Erdställe liegen im von Dr.  Haversath untersuchten Gebiet unter im Hochmittelalter errichteten ländlichen Anwesen. Einzige Ausnahme ist Niederpretz II (Erklärungen und Vermutungen hierzu finden Sie in den Detailbetrachtungen zu den einzelnen Erdställen).

Nachfolgende ist die (Geo)Grafische Überlagerung der Besiedelungsgrenzen in der ehemaligen Abtei Passau nach Haversath mit den Fundorten von als Erdställe klassifizierten, unterirdischen Anlagen dargestellt.

                                                   Abb.8 : (Geo)Grafische Überlagerung der Besiedelungsgrenzen in der ehemaligen Abtei Passau nach Haversath mit den Fundorten von als Erdställe

                                                               klassifizierten, unterirdischen Anlagen. Die schwarzen "Häuschen" sind Siedlungen in der entsprechenden Besiedelungsepoche nach Haversath.


Tabellarische Zuordnung der Erdställe in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Passau (incl. Stadt Passau) zu den Ergebnissen der Untersuchung der Siedlungsgeschichte des südl. Bayerischen Walds.

Landkreis Freyung-Grafenau

Landkreis Passau (Incl. Stadt Passau)


Tabelle: Erdställe LKr. Freyung-Grafenau /Studie Haversath
Tabelle: Erdställe LKr. Freyung-Grafenau /Studie Haversath
Tabelle: Erdställe LKr. Passau (incl. Stadt Passau)/Studie Haversath
Tabelle: Erdställe LKr. Passau (incl. Stadt Passau)/Studie Haversath


Der bauliche Vorgang

Haversath beschreibt den Vorgang zur hochmittelalterlichen Landnahme präzise. Die Landeigner, Ministerialen und Dienstleute haben mit Hilfe von erfahrenen Lokatoren gerodet, die Grundstücke im Rahmen der Dreifelderwirtschaft eingeteilt und vermessen.

Am Standort der bäuerlichen Anwesen wurden, wie jetzt belegt, Erdställe in den Boden gegraben. Darauf entstanden dann die meist noch bis in die späte Neuzeit verbliebene Gehöfte. Die baulichen Änderungen vom Hochmittelalter bis zu den maßstäblich im Bayernatlas ersichtlichen Hofanlagen sind vernachlässigbar gering.

Fazit

Erdställe sind im Untersuchungsgebiet Heft 14 im unmittelbaren Zusammenhang mit hochmittelalterlichen Gehöften entstanden.

Die jahrzehntelangen bautechnischen Erfahrungen von Arndt und Baierl schließen einen nachträglichen Einbau der Erdställe unter den Gebäuden aus. Begrenzte Frühzeitliche oder keltische Besiedlung ist im Untersuchungsgebiet möglich. Dies in einen Kontext mit den Erdstallvorkommen zu bringen ist jedoch nicht nachvollziehbar.

Die Verknüpfung des Erdstallkatasters mit den siedlungsgenetischen, wissenschaftlichen Forschungsergebnissen im Untersuchungsgebiet nördlich der Donau zeigt eine Überlagerung bei als Erdställe klassifizierten, unterirdischen Anlagen.

Kleine Anmerkung:

Arndt und Baierl sind sich sicher, dass unter den Hunderten von hochmittelalterlichen Anwesen im südlichen Bayerischen Wald noch ein Vielfaches der bisher entdeckten Erdställe schlummert.